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Section Control – eine neue Ära der Verkehrsüberwachung

Geschwindigkeitskontrolle mal anders: Section Control, oder auch Abschnittskontrolle genannt, ist eine aktuell weltweit immer häufiger verwendete alternative Methode zur Überwachung von Tempolimits im Straßenverkehr. Dabei wird nicht die Geschwindigkeit an einem bestimmten Punkt gemessen wie bei der stationären Geschwindigkeitsmessung, sondern die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Fahrzeugs über einen längeren Streckenabschnitt hinweg.

, Stefanie Stäglin

Wie funktioniert Section Control?

Je nach Einsatzort und den spezifischen gesetzlichen Voraussetzungen in diesem Land sind unterschiedliche technische Lösungen verfügbar und im Einsatz. Section Control geschieht mit Hilfe von mehreren Messsystemen an einem Eingangs- und einem Ausgangspunkt, die jeweils mit Kameras zur automatischen Kennzeichenerfassung ausgestattet sind. Das Fahrzeug wird sowohl beim ersten wie auch beim zweiten Kontrollpunkt registriert, wobei das Fahrzeug anhand seines Kfz-Kennzeichens mittels automatischer Nummernschilderkennung identifiziert wird. In vielen Ländern, darunter Deutschland, werden die Nummernschilder sofort nach der Erfassung vom System verschlüsselt und anonymisiert, um aus datenschutzrechtlichen Gründen keinen Rückschluss auf das tatsächliche Fahrzeug zu erlauben. Das heißt, wenn ein Fahrzeug am Ende der Messstrecke wieder registriert wird, gleicht die Section-Control-Anlage das Fahrzeug mit dem verschlüsselten, anonymisierten Datensatz vom Eingangspunkt ab.

Section-Control-Anlage

Aus der bekannten Entfernung zwischen Ein- und Ausfahrt sowie der benötigten Zeit für die Durchfahrt jedes Fahrzeugs errechnet das System dann die Durchschnittsgeschwindigkeit. Dabei wird nicht die maximal erreichte Geschwindigkeit im Abschnitt herangezogen – wie zum Beispiel kurze Geschwindigkeitsspitzen während eines Überholvorgangs –, sondern die durchschnittliche Geschwindigkeit der gesamten Durchfahrt.

Liegt der berechnete Wert über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit, , ggf. mit einer erlaubten Toleranz, erfolgt erst dann eine automatische Weiterleitung der Daten an die Fahrerbildkamera kurz nach dem Ende des überwachten Abschnitts. Dort „blitzt“ es dann und das Fahrerbild wird aufgenommen, welches in Deutschland zur Ahndung des Geschwindigkeitsverstoßes benötigt wird. In anderen Ländern, in denen zum Beispiel die Halterhaftung gilt, kann auf das Fahrerbild verzichtet werden, daher genügen in diesen Fällen die Datensätze aus dem Eingangs- und Ausgangspunkt. Es werden alle Fahrspuren im Messabschnitt überwacht, daher sind Spurwechsel innerhalb des Streckenabschnitts irrelevant für die Geschwindigkeitsmessung.

Die Vorteile dieses Messverfahrens liegen auf der Hand: Das Fahrerverhalten verbessert sich auf dem gesamten kontrollierten Abschnitt, was mehrere Vorteile mit sich bringt hinsichtlich Sicherheit, Verkehrsfluss, Umweltschutz und Fairness. Die Verringerung der Unfallzahlen ist in der Regel der Hauptgrund, warum ein Projekt zur Reduzierung der Durchschnittsgeschwindigkeit ins Leben gerufen wird. Solche Projekte führen üblicherweise dazu, dass die Zahlen der Kollisionen mit Schwerverletzten oder Toten um mehr als 50 Prozent reduziert werden. Da die Tempolimits über längere Abschnitte hinweg besser eingehalten werden, erfolgt eine Harmonisierung des Verkehrsflusses, weil der Wechsel von Geschwindigkeiten vermieden wird, und Staus werden dadurch reduziert. So trägt die Section Control neben einer signifikanten Erhöhung der Verkehrssicherheit auch bei der Reduzierung umweltschädlicher Emissionen bei.

Anwendungsbeispiel Schottland: Bewährte Section Control in Europas größtem Projekt zur Geschwindigkeitskontrolle

In Deutschland ist diese Methode noch recht neu, während sie sich in vielen Ländern schon bewährt hat. Schottland, zum Beispiel, hat sich diese Technologie auf unterschiedlichen Straßen und in verschiedenen Regionen zunutze gemacht. Mehr als 350 km schottischer Straßen wurden mit den SPECS-Kamerasystemen von Jenoptik ausgerüstet. Diese vielen und vielseitigen Streckenabschnitte zeigen deutlich, dass die Vorteile auf allen Fahrbahnarten und nicht nur auf Landstraßen oder Autobahnen zu sehen sind. Von Europas längstem Section-Control-Abschnitt auf der Autobahn A9 – mit einer Länge von insgesamt rund 220 Kilometern – bis hin zu städtischen Systemen mit einer Länge von nur 400 Metern in Glasgow haben diese Installationen gezeigt, dass sich das Fahrerverhalten überall dort, wo Section Control eingesetzt werden, ändert und stark verbessert – wie auch das Fachmagazin Traffic Technology Today berichtete.

Section Control mit SPECS3 VECTOR

Ein weiteres Beispiel für die Vorteile der Section Control ist die schottische Autobahn A90 zwischen dem Zentrum und dem Nordosten Schottlands. Dieser 80 Kilometer lange Abschnitt der A90 wird täglich von durchschnittlich 23.000 Fahrzeugen befahren und wies in der Vergangenheit stets hohe Unfallzahlen mit vielen Unfallopfern auf. Die Installation eines Section-Control-Systems konnte das Fahrerverhalten positiv beeinflussen und diese schwierige Ausgangssituation sehr effizient und nachhaltig entschärfen. Die Zahlen sprechen für sich: Die Geschwindigkeitsbegrenzung von 70 mph (ca. 112 km/h) wird nun von 99 Prozent der Fahrer über die gesamte Strecke hinweg eingehalten – im Gegensatz zu nur 40 Prozent vor der Installation. Nur noch eines von 5.000 Fahrzeugen fährt heute mit mehr als 10mph (16 km/h) über dem Tempolimit – vorher war es jedes fünfte. Das reduziert auch die Zahl der Unfälle und Verletzten.

„Diese Erfahrung ist keineswegs einzigartig. Ein gut durchdachtes System zur Durchsetzung der Durchschnittsgeschwindigkeit sorgt immer für eine sicherere Straße und damit für weniger Unfälle und weniger Unfallopfer. Auf mehr als 200 Strecken in Großbritannien sind derzeit unsere Kameras für die Messung von Durchschnittsgeschwindigkeiten im Einsatz“, so Geoff Collins, Leiter Sales & Marketing von Jenoptik Traffic Solutions UK.

Anwendungsbeispiel Kuwait: Mehr Verkehrssicherheit dank Section Control unter besonderen Bedingungen

Ein besonderes Beispiel für den Einsatz von Section-Control-Technik ist die erst kürzlich erfolgte Installation auf einer der längsten Seebrücken weltweit – auf der „Sheikh Jaber Al-Ahmad“-Brücke in Kuwait. Seit Ende 2018 verbindet die Brücke die Hauptstadt Kuwait City mit der Region Subbiyah im Norden (Subbiyah-Link 36 Kilometer) als auch mit dem Vorort Doha (Doha-Link 12 Kilometer). Die TraffiSection-Technik von Jenoptik wurde für die Geschwindigkeitskontrolle installiert und ist trägt seitdem zu mehr Verkehrssicherheit auf einem Streckenabschnitt bei, der bei Vor- oder Unfällen besonders schwer zugänglich ist.

Der Umwelt zuliebe: Section Control für mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz

Zusätzlich lassen sich durch diese Harmonisierung und Senkung der Geschwindigkeit auch Umweltemissionen sehr effizient reduzieren. In Wales beispielsweise konnten toxische Emissionen auf diese Weise auf besonders belasteten Abschnitten des walisischen Autobahnsystems um bis zu 47 Prozent reduziert, also fast halbiert werden (mehr erfahren). Eine Reihe von Strecken profitieren von SPECS-Kameras von Jenoptik zur Kontrolle der Fahrzeuggeschwindigkeiten und damit zur Steuerung der Fahrzeugemissionen. Das ist ein aktiver Beitrag für eine bessere Luft, den Umweltschutz und die Gesundheit jedes Einzelnen!

Laut der Europäischen Umweltagentur (EEA) könnte bereits eine Senkung der Geschwindigkeit auf europäischen Autobahnen von 120 km/h auf 110 km/h den Kraftstoffverbrauch von Personenkraftwagen um 12 bis 18 Prozent senken. Der Kraftstoffverbrauch von PKW steigt aufgrund des erhöhten Luftwiderstands ab etwa 80 km/h exponenziell an und lässt sich dementsprechend mit reduzierten Geschwindigkeiten bzw. Tempolimits vermindern.

Traffisection Tunnel

Section Control als nachhaltigeres und als fairer empfundenes Messverfahren Geschwindigkeitsmessung

Die Geschwindigkeitsmessung mit Section Control wird von den Verkehrsteilnehmern als gerechter empfunden, da die Geschwindigkeit nicht an einem bestimmten Punkt, sondern über eine längere Strecke hinweg gemessen wird. So wird nicht eine punktuelle Überschreitung aufgrund einer kurzfristigen Unaufmerksamkeit geahndet, sondern ein über einen längeren Abschnitt aufrecht erhaltenes Fehlverhalten. Dadurch, dass die Section Control zumeist auch mit Schildern zuvor angekündigt und der Fahrer auf den Messabschnitt aufmerksam gemacht wird, werden „Abzocke“-Vorwürfe nachhaltig die Grundlage entzogen und die Motivation, die Vorschriften einzuhalten, steigt. Darüber hinaus entfällt auch das gefährliche Abbremsen im Bereich stationärer oder mobiler Geschwindigkeitskontrollen (mehr erfahren).

Flexibilität durch stationäre und mobile Section-Control-Lösungen, auch für spezielle Straßensituationen

Die Jenoptik-Systeme für Section Control basieren auf einem modular strukturierten System, mit dem unterschiedliche Straßentypen kontrolliert werden können. Das System ist so konzipiert, dass es sowohl für die stationäre längerfristige Anwendung, zum Beispiel im Tunnel oder an Unfallschwerpunkten, als auch für den mobilen, kurzfristigen Einsatz, wie in Baustellenbereichen, geeignet ist. Bei der temporären Überwachung von Baustellenbereichen lässt sich das System beispielsweise mit dem Baufortschritt verschieben, ohne ihn zu beeinträchtigen. Dieser Ansatz war beispielsweise in Großbritannien so erfolgreich, dass in mehr als 450 Bauabschnitten SPECS-Kameras zur Geschwindigkeitskontrolle betrieben wurden, und das bei einer Dauer von sechs Monaten bis zu vieren Jahren und auf Strecken, die zwischen 500 Metern und 54 Kilometern lang waren.

Auf Wunsch kann die Basisanlage auch durch kundenspezifische Module ergänzt werden wie beispielsweise Anbindung an eine vorhandene Wechselverkehrszeichen-Anlage (WVZ), Klassifizierung unterschiedlicher Fahrzeugklassen, Geisterfahrererkennung oder Erkennung von Gefahrenguttransportern. Auch komplexe Verkehrsflüsse mit Kreuzungen und Abzweigungen lassen sich abdecken, indem mehrere Streckenabschnitte in einem Gesamtsystem kombiniert werden – eine sogenannte Multi-Section-Anlage.

Section Control bald auch in ganz Deutschland?

Lange wurde der Einsatz der bundesweit ersten Section Control in einem Pilotprojekt in Niedersachsen vorbereitet und getestet. Dabei ging es nicht nur um die technische Zulassung der Messanlage durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), sondern auch um Anforderungen hinsichtlich Datenschutz, die in Deutschland besonders hoch sind. Alle relevanten Behörden haben die Section Control freigegeben, im September 2020 bestätigte auch das Bundesverwaltungsgericht: Die Section-Control-Anlage von Jenoptik in Niedersachsen ist rechtmäßig im Einsatz. Damit kann Section Control legal zur Geschwindigkeitskontrolle in Deutschland eingesetzt werden.

Grundlage für die Genehmigung war unter anderem auch das bewährte Datenschutzkonzept der Anlage von Jenoptik. Gerade in einem für Datenschutz so sensiblen Land wie Deutschland muss sichergestellt sein, dass alle Vorgaben an den Datenschutz vollumfänglich erfüllt werden. Bei TraffiSection, dem in Deutschland zugelassenen Jenoptik-System, werden die Messdaten anonymisiert ausgewertet. Nur bei einer Geschwindigkeitsübertretung werden das Kennzeichen und der Fahrer personenbezogen dokumentiert. Alle Daten, die sich auf Fahrzeuge beziehen, die das Tempolimit nicht überschritten haben, werden sofort nach dem Verlassen des Abschnitts gelöscht. Die Kommunikation der Daten erfolgt über ein vorhandenes Netzwerk oder über eine verschlüsselte UMTS-Verbindung. Mit diesem Konzept ist TraffiSection bereits erfolgreich in der Schweiz (METAS) und in Österreich (BEV) zugelassen worden und im Einsatz.

Section Control mit TraffiSection

Positive Wirkung von Section Control auf Verkehrssicherheit

Das erfolgreich verlaufene Pilotprojekt unter der Schirmherrschaft des Innenministeriums von Niedersachsen konnte eine deutliche Steigerung der Verkehrssicherheit auf der B6 bei Laatzen erzielen. Erste Zahlen deuteten auf beeindruckende Ergebnisse: Unfälle konnten um 40 Prozent gegenüber den Vorjahren reduziert werden, die Anzahl an Todesopfern um 80 Prozent und die der Verletzten sogar um über 80 Prozent.

Niedersachsen wird gemeinsam mit den regionalen Unfallkommissionen und den Kommunen die Verwendung der Abschnittskontrolle landesweit an weiteren Strecken prüfen und empfiehlt Bund und Ländern, diese innovative Technik im eigenen Streckennetz einzusetzen. Weitere Anlagen in anderen Bundesländern könnten damit nun folgen (mehr dazu in einem Beitrag der Tagesschau).

Angesichts der Vorteile der Abschnittskontrolle bzw. Section Control wird sich diese Art der Geschwindigkeitsüberwachung in den kommenden Jahren zunehmend auf unseren Straßen durchsetzen und zu einer höheren Verkehrssicherheit mit weniger Unfällen, zu einem besseren Verkehrsfluss mit weniger Staus und zu einer besseren Luftqualität durch geringere Emissionen führen.

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Stefanie Stäglin

Über Stefanie Stäglin

Stefanie Stäglin leitet bei Jenoptik Light & Safety seit 2014 den Bereich Kommunikation und Marketing. Die studierte Geisteswissenschaftlerin mit zusätzlichem MBA war zuvor mehrere Jahre in der Kommunikationsbranche und in der Automobilindustrie tätig und reist in ihrer Freizeit gerne um die Welt.

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